2015: Verleihung an Katja Petrowskaja

Jeder Autor braucht vier Eigenschaften

60 Jahre nach seiner Stiftung vergab die Stadt Aalen im Rahmen einer festlichen Matinee am Sonntag, 15. März, den Schubart-Literaturpreis im Gedenken an den großen Sohn der Stadt: Christian Friedrich Daniel Schubart. In der vollbesetzten Stadthalle konnte Oberbürgermeister Thilo Rentschler zahlreiche Vertreter aus der Politik und der Bürgerschaft begrüßen. Zwei Frauen wurden dieses Jahr ausgezeichnet: Katja Petrowskaja erhielt den mit 15.000 € dotierten Hauptpreis.

Die Schubart-Literaturpreisträgerin Katja Petrowskaja.
Die Schubart-Literaturpreisträgerin Katja Petrowskaja. (© Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag)

Mit dem Zitat Schubarts  „Jeder Autor braucht vier Eigenschaften. Neben Genie und Urteilskraft sind das Sprachstärke oder Wortwitz sowie ein glänzendes Gedächtnis“,  stimmte Oberbürgermeister Rentschler auf die folgenden Laudationes für die beiden Preisträgerinnen ein. Sehr anschaulich beschreibe Schubart den schriftstellerischen Prozess, das Ringen des Autors mit dem Stoff, damit seine Botschaft auch den Leser erreiche, zitierte der Oberbürgermeister das Multitalent Schubart, der in seinem „Poetischen Glaubensbekenntnis“ dieses Anforderungsprofil für die Schriftstellerei festgelegt hatte.

Rentschler dankte der Jury für ihre Arbeit und bescheinigte den Mitgliedern eine intensive und engagierte Diskussion zur Preisträgerfindung. "Zum Glück geht es in dieser Jury nicht zu wie bei einer Casting-Show! Statt knapper Statements wird intensiv diskutiert und argumentiert", konnte der Oberbürgermeister von den Jury-Sitzungen berichten.

Er betonte in seiner Begrüßung die lange Tradition und die Bedeutung des Literaturpreises, der bereits 1955 gestiftet wurde und zählte einige der wichtigsten Preisträger auf, wie zum Beispiel Peter Härtling, Alice Schwarzer, Ralf Giordano oder zuletzt Jenny Erpenbeck.

Laudatio

Viele waren zur Preisverleihung in die Stadthalle gekommen
Viele waren zur Preisverleihung in die Stadthalle gekommen (© Stadt Aalen)

Die Berliner Literaturkritikerin Verena Auffermann hielt die Laudatio für Katja Petrowskaja. Mit ihrer wunderbar klaren und sehr schönen Sprache schaffte sie es, die Autorin, deren Persönlichkeit und Arbeiten, hervorragend zu charakterisieren. Fast schon poetisch schilderte sie ihre Begegnung mit Katja Petrowskaja. Sie lobte das preisgekrönte Buch der Autorin „Vielleicht Esther“ als ein modernes Geschichtenbuch.  „Wie kann man die Vergangenheit besser am Leben halten, als durch die unabgeschlossene Gegenwart, die Katja Petrowskaja ihr gibt?“, fragte sie in ihrer Laudatio.

Der Festakt wurde musikalisch sehr schön umrahmt vom Cello-Quintett „Cellikatessen“.

„Die Vergabe des Schubart-Literaturpreises ist einer der Glanzpunkte im Aalener Kulturkalender. Die Jury hat auch 2015 eine hervorragende Wahl getroffen und ich freue mich sehr, diesen bedeutenden Literaturpreis an Katja Petrowskaja und den Förderpreis an Karen Köhler überreichen zu dürfen“ betont Oberbürgermeister Thilo Rentschler. Die Laudatio wird Verena Auffermann, Journalistin und Literaturkritikerin aus Berlin halten.

In dem 2014 im Suhrkamp-Verlag erschienenen Werk, das Katja Petrowskaja im Untertitel „Geschichten“ nennt, folgt sie den Spuren ihrer Urgroßmutter, die 1941 in Kiew von den Nationalsozialisten verschleppt und beim Massaker von Babi Jar ermordert wurde. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt: „Die Autorin begibt sie sich auf die leidvolle Suche und Erinnerungsfahrt zu den Lebens- und Sterbeorten ihrer verzweigten jüdischen Familie und öffnet den Lesern mit ihrer Recherche einen notwendigen Blick für die Tiefen der osteuropäischen Geschichte.‘“

Sprache von bestechender Genauigkeit

Petrowskaja steht, obwohl Russisch ihre Muttersprache ist und sie erst mit Mitte zwanzig Deutsch lernte, in einer Literaturtradition, in der sich Deutsches, Slawisches und Jüdisches mischte. Dass sie nach einer Zeit des Aufbruchs in den 1980er Jahren mit Gorbatschows Perestroika nun den Untergang dieser Hoffnungen und eine Rückkehr der Gewalt in ihrer ukrainische Heimat erleben muss, bestätigt ihre Geschichten. Sie sieht sich nicht als Literatin, obwohl ihre Sprache von einer bestechenden Genauigkeit ist, vielleicht gerade deshalb, weil sie durch den Sprachwechsel bewusst mit ihr umgeht.

Und Katja Petrowskaja misstraut der Fiktion. So schreibt sie nicht den großen Epochenroman einer Familie, sondern schildert in knappen Kapiteln, wie zersplittert, von wenigen Gewissheiten, die es über die individuellen Schicksale ihrer Verwandten noch gibt. Dies macht die Lektüre des Buches so besonders eindringlich. Und prädestiniert Petrowskaja zur Schubart- Literaturpreisträgerin, denn ihr Buch steht  in der Tradition des freiheitlichen und aufklärerischen Denkens des Dichters und Journalisten Christian Friedrich Daniel Schubart.

Begeisterung in Klagenfurt

Katja Petrowskaja wurde 1970 in Kiew geboren, studierte Literaturwissenschaft und Slawistik in Tartu / Estland und promovierte in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt sie seit 2011 die Kolumne „Die west-östliche Diva“.

Für die Recherche zu Vielleicht Esther erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung und das Stipendium des Künstlerhauses Ahrenshoop. Für die Lesung eines Auszugs aus ihrem Debüt erntete sie in Klagenfurt stürmische Begeisterung und gewann sehr verdient den Hauptpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2013. Das 2014 im Suhrkamp-Verlag erschienene Buch wurde inzwischen auch mit dem Aspekte-Literaturpreis und dem Ernst-Toller-Preis ausgezeichnet.

© Stadt Aalen, 02.01.2015